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Ivonne Haarbach

Mein Weg zurück zu mir – und zu „Mein neues Lebensgefühl“

Mein neues Lebensgefühl – Wie ich wieder zu mir selbst gefunden habe

Einleitung

Es gibt Momente im Leben, da steht plötzlich alles still – nicht weil man es geplant hat, sondern weil es einfach nicht mehr anders geht.

Mein Leben war lange geprägt von Tempo, Leistung, Verantwortung und Durchhalten. Ich habe funktioniert, statt zu fühlen. Immer weiter, immer schneller, nie stehen bleiben.

In diesem Buch erzähle ich dir von den letzten zwei Jahren – einer Zeit, in der mein Leben eine radikale Wende genommen hat.

Von Erschöpfung und Zusammenbruch. Von Loslassen und Aufbrechen. Von einer Depression, die mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat – und vom mutigen Weg zurück zu mir selbst.

Ich schreibe dieses Buch für mich. Weil es gut tut, zurückzublicken. Aber ich schreibe es auch für dich. Vielleicht erkennst du dich in manchen Zeilen wieder. Vielleicht bist du selbst gerade irgendwo zwischen Überforderung und Sehnsucht nach Ruhe.

Dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Und es ist nie zu spät, dich selbst wiederzufinden. 🌿

Kapitel 1: Funktionieren statt leben

Ganz entspannt im Hier und Jetzt leben – mal ehrlich: Wer schafft das heute noch wirklich? Ich jedenfalls nicht. Zumindest damals nicht.

Die letzten Jahre waren ein einziger Dauerlauf. Von einem Projekt zum nächsten, immer wieder neue Ideen, neue Orte, neue Herausforderungen. Ich bin von der Schweiz nach St. Peter-Ording gezogen, dann weiter nach Oldenburg. Und immer mittendrin: mein Mann und ich.

Wir haben alles gemeinsam gemacht – beruflich wie privat. Unser Café war unsere Leidenschaft, unser ganzer Stolz, aber auch unsere größte Herausforderung.

Einfach mal innehalten? Einen Kaffee in Ruhe trinken? Das kam uns wie Zeitverschwendung vor. Und wenn ich’s doch mal gemacht habe, war da dieses schlechte Gewissen, das sich leise eingeschlichen hat.

Urlaub? Kaum vorstellbar. Ein freies Wochenende? Eine Seltenheit. Wir waren mit Herz und Seele dabei, ja – aber wir haben uns selbst dabei vergessen.

Unsere Tage waren lang. 16 Stunden, manchmal mehr. Sechs Tage die Woche, und am siebten: Buchhaltung, Bestellungen, Haushalt. Und das mit kaum Personal, geschweige denn verlässlichem. Trotz fairer Bezahlung, Freizeit und einem tollen Teamklima war es schwer, Leute zu finden, die mitziehen. Vielleicht waren wir zu perfektionistisch – aber was wir unseren Gästen serviert haben, sollte einfach perfekt sein. Keine Kompromisse.

Und dann kam der Tag im Dezember. Mein Körper machte nicht mehr mit. Ich klappte einfach zusammen – Kreislauf, Blutdruck, Energie: alles im Keller.

Es war der Moment, in dem ich wusste: So geht es nicht weiter.

Kapitel 2: Der Zusammenbruch

Es war ein Tag wie so viele. Hektisch, voll, laut. Gäste bedienen, Lieferanten koordinieren, nebenbei noch schnell ein paar Mails beantworten, Ware kontrollieren. Alles gleichzeitig.

Und plötzlich war da… nichts mehr.

Mein Körper machte einfach dicht. Die Beine wurden weich, mein Kreislauf kippte, ich fühlte mich wie durch Watte. Kein klarer Gedanke mehr, kein Weiterfunktionieren möglich.

Totale Erschöpfung.

Und dann: Stille.

Anfang Januar war Schluss. Wir schlossen unser Café. Unser Herzensprojekt. Unser Lebensmittelpunkt.

An unserem letzten Tag haben wir noch wie immer alles gegeben. Als wir abends den Schlüssel drehten, uns ins Auto setzten und losfuhren, liefen mir die Tränen nur so übers Gesicht. Aber nicht vor Trauer. Es war Erleichterung.

Ich weinte wie ein Schlosshund – weil ich spürte, dass etwas zu Ende ging, das längst zu viel geworden war.

Die ersten Tage zu Hause fühlten sich unwirklich an. Keine Pläne, kein Druck, kein „Du musst noch…“

Dafür: Zeit. So viel Zeit, dass wir gar nicht wussten, wohin damit.

Ich putzte die Wohnung – richtig, gründlich, mit Musik im Hintergrund. Unsere Kätzchen lagen schnurrend in der Sonne. Ich telefonierte stundenlang mit meinen Mädels. Ich fuhr in die Heimat zu meiner Familie. Einfach so. Ohne Termine, ohne Hetze.

Es war wunderschön. Und fremd. Und still.

Zu still.

Kapitel 3: Zwischen Freiheit und Überforderung

Plötzlich war sie da: die Freiheit, nach der wir uns so oft heimlich gesehnt hatten. Keine Arbeitszeiten, keine Bestellungen, keine Verantwortung für Personal, keine To-do-Listen.

Und trotzdem – oder gerade deswegen – waren wir überfordert.

Wie lebt man eigentlich… ohne Druck? Ohne Termine? Ohne ständig zu funktionieren?

Ich hatte Zeit. Für mich, für die Wohnung, für unsere Tiere, für Freunde und Familie. Ich konnte telefonieren, ohne auf die Uhr zu schauen. Einfach mal in Ruhe frühstücken. In den Tag hineinleben.

Und anfangs war es wie ein Traum.

Aber dann… kam die Leere.

Die Tage wurden schwerer, mein Kopf immer leerer, mein Herz schwerer. Gedanken kreisten, Energie fehlte, selbst kleine Aufgaben fühlten sich plötzlich riesengroß an. Ich spürte: Da stimmt etwas nicht.

Die Diagnose meines Arztes war klar: mittelschwere Depression.

Ein Tabu. Zumindest war es das lange für mich. Ich war doch stark. Ich hab doch alles geschafft. Ich war doch die, die alles im Griff hatte.

Aber genau das war der Punkt. Ich hatte es zu lange im Griff. Ich war zu lange „funktionierend“. Und jetzt war mein System einfach leer.

Ich begann, mich damit auseinanderzusetzen. Nahm die verordneten Antidepressiva. Und nach ein paar Wochen wurde es leichter.

Ich machte bewusste Entspannungsübungen, ging regelmäßig spazieren, baute mir kleine Routinen ein. Ich fing an, Me-Time nicht mehr als Luxus zu sehen, sondern als Notwendigkeit.

Und doch… war da noch etwas, das nicht passte.

Oldenburg fühlte sich nicht wie Zuhause an. Ich war nie wirklich angekommen. Mein Herz sehnte sich nach einem anderen Ort – nach echten Wurzeln.

Und so fiel die nächste große Entscheidung: Zurück in die Heimat.

Kapitel 4: Neue Wurzeln, neue Wege

Es war eine dieser Entscheidungen, die sich nicht nur im Kopf richtig anfühlen, sondern tief im Herzen.

Wir wollten zurück. Zurück in die Heimat. Zu unseren Wurzeln, zu vertrauten Gesichtern, zu Familie und Freunden.

Die Wohnungssuche verlief fast magisch – als hätte das Leben gewusst, dass wir genau jetzt einen Ort zum Ankommen brauchen. Eine frisch sanierte Wohnung wartete auf uns. Helle Räume, Ruhe, Wärme. Es fühlte sich sofort wie Zuhause an.

Der Umzug war chaotisch, klar. Kartons, Möbel, Organisation. Aber es war ein schönes Chaos. Eines, das Hoffnung machte.

Und dann kam der Moment, in dem wir das erste Mal auf dem Sofa saßen – in unserer neuen Wohnung – und einfach nur durchgeatmet haben.

Wir begannen, ein neues Leben aufzubauen. Ruhiger, bewusster, näher an dem, was uns wirklich wichtig ist.

Wir haben uns sogar einen kleinen Garten genommen – in derselben Anlage wie meine beste Freundin – meine Seelenverwandte, mein Herzensmensch. Es war wie ein kleines Paradies. Pflanzen, Sonne, frische Luft und gute Gespräche – genau das, was die Seele braucht.

Ich fing an, wieder zu lachen. Ehrlich zu lachen. Aus dem Bauch heraus.

Und dann… kam der nächste Schock.

Im September musste ich notoperiert werden. Mein Blinddarm hatte sich entzündet – und während der OP war er bereits geplatzt.

Die Narbe, die ich heute trage, ist 25 cm lang. Aber sie ist für mich kein Makel. Sie ist ein Zeichen meiner Stärke.

Ich bin dankbar. Einfach nur dankbar, dass ich alles gut überstanden habe.

Diese Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt: Nichts im Leben ist selbstverständlich. Gesundheit, Sicherheit, ein liebevoller Partner an deiner Seite, ein Zuhause, in dem du du selbst sein kannst… das ist das wahre Glück.

Kapitel 5: Heute – Im Hier und Jetzt

Heute lebe ich anders.

Nicht perfekt. Aber bewusst. Nicht getrieben. Sondern getragen. Nicht mehr in einem Leben, das ich nur „abarbeite“, sondern in einem, das ich spüre.

Ich bin nicht mehr dieselbe wie vor zwei Jahren. Und ich will es auch gar nicht sein.

Ich bin achtsamer geworden. Ich nehme mir Zeit für kleine Dinge: für einen Kaffee auf dem Balkon, für einen Spaziergang durch den Garten, für ein Lächeln im Vorbeigehen.

Ich achte auf meine Grenzen – und lerne, „Nein“ zu sagen, ohne Schuldgefühle. Ich pflege meine Beziehungen – mit mehr Tiefe, mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe. Ich nehme mir Zeit für mich – nicht erst, wenn „alles andere erledigt“ ist, sondern weil ich es mir wert bin.

Natürlich gibt es auch heute noch Herausforderungen. Aber ich begegne ihnen mit einem anderen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Ich weiß, dass ich stark bin – weil ich gefallen bin und wieder aufgestanden bin.

Die Depression ist ein Teil meiner Geschichte. Sie definiert mich nicht – aber sie hat mich verändert. Sie hat mich gezwungen, hinzuschauen. Mich selbst wiederzufinden. Und das war vielleicht das größte Geschenk in all dem Schmerz.

Heute bin ich dankbar. Für meine Familie. Für meinen Mann. Für meine Gesundheit. Für jedes kleine Lächeln. Für jede ruhige Minute.

Und vor allem: Für mich.

Epilog: Für dich, lieber Leserin

Wenn du das hier liest und selbst irgendwo zwischen Erschöpfung, Druck und Sehnsucht nach Ruhe steckst…

Dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein.

Du musst nicht alles schaffen. Du musst nicht perfekt sein. Du darfst Pause machen. Du darfst dich neu erfinden. Und manchmal ist genau das der mutigste Schritt: Sich selbst wiederzufinden.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Akku leer ist. Ich kenne die dunklen Tage – und den Weg hinaus.

Wenn du gerade an einem Punkt bist, wo du nicht weiterweißt, dann trau dich, dich zu melden.

Ich bin für dich da. Ich höre dir zu, teile meine Erfahrungen – und wenn du magst, gehen wir diesen Weg gemeinsam.

Denn du musst ihn nicht allein gehen.

Zusammen schaffen wir das.